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Siri und die Folgen: Teil 1 – Bibliotheken

Posted on | November 10, 2011 | 1 Comment

Voice recognition” oder Spracherkennungssoftware ist eine alte Spielwiese der Computerindustrie und Computerwissenschaft. Tatsächlich sind hier viele Wissenschaftsgebiete involviert, wenn es darum geht, Sprache zu erkennen. Dazu gehören Linguistik, Semantik, Ontologie, Artificial Intelligence, Maschinenlernen, Wissensrepräsentation. Kommen uns da erste Assoziationen?

Vor Wochen wurde das neue iPhone 4S präsentiert. Viele Experten fanden das Ergebnis enttäuschend, bot die Hardware kaum Upgrades. Auf der Seite der Anwendungen wurde nun Siri vollends integriert (früher konnte Siri als App genutzt werden). Siri ist ein digitaler Assistent, welcher mit Hilfe einer nun “reiferen” Spracherkennungssoftware mündliche Befehle entgegennehmen und verarbeiten kann.

Die User-Erfahrung mit Siri ist durchaus positiv, auch wenn es noch Probleme mit der Semantik gibt. Im Großen und Ganzen liefert Siri aber erstaunlich gute Ergebnisse und leistet seinen Beitrag zur Produktivität seines Besitzers. Wenn auch Siri derzeit beschränkt Aufgaben wahrnehmen kann, das Potential ist enorm. Und das bringt mich zur Frage, wie sich eine Spracherkennungssoftware wie Siri in Smartphones auf den Alltag in Bibliotheken auswirken könnte.

Recherche

Eine der häufigsten und zeitaufwändigsten Aufgaben eines Bibliotheksnutzers ist das Recherchieren im Bibliotheksbestand. Recherchen in diesen Oberflächen (Web-Opac, Primo, etc.) sind nicht trivial, so dass Bibliotheken gar Nutzerschulungen anbieten. Nun kommt Siri und empfängt meinen mündlichen Befehl, die wichtigsten 10 Titel zum Thema “Spracherkennungssoftware” zu entlehnen. Anstatt also selbst in die Tasten zu klopfen, Literaturverzeichnisse, Rezensionen etc. durchzukämmen, um nicht nur Titel sondern auch deren Bedeutung in der wissenschaftlichen Diskussion festzustellen, bedient sich Siri entsprechender Partnerdienste, die über entsprechende Daten verfügen. Denkbar wären Wikipedia, WorldCat oder Amazon, einfach weil sie über die komplettesten Daten verfügen (würden). Daneben bräuchte es eine Schnittstelle, in der solcher Datenaustausch erfolgen kann. Amazon Prime Nutzer könnten dann sofort über Siri einen Abstract vorgelesen bekommen oder gar das eBook als Volltext möglicherweise kostenlos entlehnen.  Ein Web-Opac könnte noch Nischenfunktion haben (spezielle e-Journals z.B.), allerdings ist die Frage, ob Apple oder ein anderer großer Player mit Bibliotheken, evt. abhängig von deren Größe, Datenlieferverträge abschließt. Ich stelle mir das für Bibliotheken allerdings deshalb schwierig vor, weil a) 99% in den nächsten 10 Jahren nicht über die Technik zur Realisierung verfügen (ein entsprechendes Software-Upgrade von Bib-Software-Anbietern wird ebenso lange auf sich warten wie die Einführung von Primo und damit die Anhebung eines Web-Opacs auf niedriges Web 2.0 Niveau), und b) nicht über das entsprechende Budget: Siri wird Traffic liefern, und das heißt, Bibliotheken müßten für den erhaltenen Traffic bezahlen. Mir ist keine Bibliothek bekannt, die für das Generieren von Traffic an Dritte Geld ausschüttet.

Informationsdienste und -beratung

Jene Qualität, die Bibliotheken von Suchmaschinen unterscheiden, ist die Beratungsqualität. Das heißt, ich kann meine meist komplexe Frage an einen sachkundigen Experten stellen und bekomme zumindest Anregungen und Hilfestellung. Siri ist ein sachkundiger Experte und wird mir, so sich die Entwicklung der Spracherkennungssoftware und künstlichen Intelligenz stetig fortsetzt, Lösungen liefern. Denken wir an den Unterschied zwischen Google und Wolfram Alpha. Google liefert Suchergebnisse, Wolfram Alpha Lösungen. Wolfram Alpha entfernt diese Zwischenschicht Google. Siri überspringt die Bibliothek, wenn es um Beratung geht. Wer also jene Daten, die Siri für seine Beratung nützt, Siri bereitstellen kann / darf, wird auch beraten. Ich bezweifle, dass es Bibliotheken sein werden.

Auch wenn sich diese zwei Szenarien nicht sofort und auch nicht bei jedem Bibliotheksnutzer durchsetzen werden, eines ist klar: der Markt für Bibliotheken wird in seinem Kernsegment weiter beschnitten. Bibliotheken sollten die Frage nach ihrer Rolle in der Informationsgesellschaft weiter hinterfragen. Viel Zeit bleibt nicht.

Im 2. Teil möchte ich kurz auf die Thematik Siri und Google eingehen. Da ergeben sich genauso revolutionäre Fragestellungen.

Comments

One Response to “Siri und die Folgen: Teil 1 – Bibliotheken”

  1. Infobib » Siri und die Bibliotheken
    November 11th, 2011 @ 7:22 am

    [...] Mehr im MBI-Blog. [...]

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