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Finanzkrise und Bibliotheken – offene Fragen und Strategien

Posted on | October 31, 2008 | 6 Comments

Nachdem nun die Finanzkrise der Banken und Kreditinstitute schön langsam auf die Realwirtschaft durchschlägt, müssen sich nun auch Bibliotheken auf härtere Zeiten einstellen. Ist das wirklich so? Da in Mitteleuropa immer noch die meisten öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken zum Großteil von der öffentlichen Hand finanziert werden, könnte man bei einer Rezession mit einem “blauen” Auge oder gar weniger davon kommen. Zu diesem Thema und zu strategischen Überlegungen habe ich mir ein paar Gedanken gemacht – die ich auch hier im Blog gerne mit Ihnen diskutieren würde.

Zweifelsohne werden die Budgetverhandlungen für 2009 schwieriger werden. Verfügbare Mittel im öffentlichen Haushalt sind nicht mehr, sondern eher knapper geworden. Um die Konjunktur zu beleben, werden spezifische Projekte und Maßnahmen gefördert. Die Welt der Bildung, Kunst und Kultur gehört im Normalfall eher nicht dazu, und Bibliotheken schon gar nicht. Das Argument: kurz- und mittelfristig kein Effekt zur Ankurbelung der Wirtschaft. Das könnte also bedeuten, dass die Budgets der nächsten Jahre magerer ausfallen werden. Was mehrere Folgen nach sich ziehen kann:

  1. Bibliotheken reduzieren ihre Ausgaben, in dem sie Services, Produkte und Aktivitäten einschränken. Das kann von geringeren Beschaffungsvolumina bis zu Abbau von Personal führen. Gerade bei vielen öffentlichen Bibliotheken könnte eine Reduzierung von Arbeitsstunden anstehen, wenn Gemeinden Gelder umschichten müssten, um die Kosten für andere Programme oder für die teuerer gewordene Geldbeschaffung zu decken. Das Beispiel vieler Kommunen und öffentlicher Einrichtungen in Großbritannien, die aufgrund des drohenden Staatsbankrotts Islands nicht mehr auf ihre Gelder bei isländischen Instituten zugreifen können, spricht Bände.
  2. Der Liquidität wird mehr Augenmerk geschenkt. Auch hier wieder: ein Zurückhalten von Investitionen oder auch kurzfristigen Beschaffungen. Das mangelnde Liquiditätsbewußtsein war schon vor der Finanzkrise die Hauptursache für Konkurse, nicht das Geschäftsmodell per se. Wenn ich das mit meinen StudentInnen im Uni-Lehrgang für angehende BibliothekarInnen bespreche, dann löst das immer noch Erstaunen aus. Das sollte es jetzt nicht mehr.
  3. Das Finanzmanagement wird nun endgültig professionalisiert. Veranlagung von Geldern, oft nicht mit dem heutigen Risiko-Bewußtsein durchgeführt, ist Schnee von gestern. Das bedeutet aber auch, dass die Betriebswirtschaft in Bibliothekskreisen weiter an Bedeutung zunehmen wird, zumindest auf der Führungsebene. Das wird auch Auswirkung auf die Profile künftiger BibliotheksleiterInnen haben.
  4. Bibliothekszulieferer müssen den Gürtel enger schnallen. Beginnen Bibliotheken ihre Ausgaben zu reduzieren, trifft das nicht nur (künftige) ArbeitnehmerInnen, sondern auch die vielen Zuliefer (nicht nur für Neu- und Ausbau, sondern auch die Verlage). Eine Bibliothek wird versucht sein, ihr Qualitäts- und Angebotsniveau solange wie möglich mindestens zu halten. Mit einem kleineren Budget oft eine Sache der Unmöglichkeit, wenn da nicht Open Source, Open Access und Web 2.0 wäre.
  5. Könnte also die Krise eine Chance für Open Access sein, endgültig den Durchbruch zu schaffen? Das scheint mir nicht abwegig, zumindest bei jenen Zeitschriften, die über eine gute Qualität verfügen. Für die Bibliothek würde das bedeuten, zumindest einige gute Quellen als Alternative zu nicht mehr leistbaren Zeitschriften unentgeltlich anbieten zu können. In einigen wissenschaftlichen Bibliotheken ist das bereits Realität. Das dürfte sich noch weiter verstärken.
  6. Kostenreduktion durch Open Source? Ebenfalls eine interessante Alternative – weg vom kostenpflichtigen Lizenzmodell hin zu kostenlosen Lösungen. Letzteres ist aber nicht kostenfrei, da auch die Implementierung und Anpassung an die eigene Systemarchitektur Know-how und Zeit erfordert. Wer das zur Verfügung hat, kann sich glücklich schätzen. Der Run auf BibliothekarInnen mit IT-Background ist längst fällig. Die Krise könnte also zu einer Modernisierung von Bibliotheken von innen heraus führen. Hier mal ein gutes Verzeichnis von Open Source Produkten
  7. Alternative Web 2.0: wer keine Wissens- und Zeitressourcen im Team hat, der kann sich auf vielen Gebieten auch mit Web 2.0 Diensten behelfen. Hier meine ich nicht nur Zusatzdienste, die den eigenen Katalog mit Funktionen anreichern, sondern alles, was mit Software zu tun hat: Office Software, Kommunikation, Content Management, CRM, …  Aber auch hier gibt es Risken: gerade in dieser Zeit der Umwälzung werden auch Web 2.0 Anbieter Opfer der Situation. Und das kann wieder auf die Bibliothek zurückfallen – also: vorausschauend evaluieren.
  8. Wenn das Budget nicht kleiner werden darf, die öffentliche Hand aber weniger bereit ist zuzuschießen, dann bleibt nurmehr ein Weg offen: neue Wege der Finanzierung finden. Und die liegen in der privaten Hand. Fundraising ist ein häufig genanntes Mittel, welches aber in Zeiten globaler Geldknappheit nicht einfach zu gestalten sein wird (für alle, die es probieren möchten, hier ein interessantes Tool…). Etwas anderes ist die Idee von Social Lending – das Leihen und Ausborgen von Geldern unter Umgehung der klassischen Bankstruktur.
  9. Was für Bibliotheken gilt, gilt umso mehr für privat-wirtschaftlich geführte Unternehmen: auf die Kosten schauen. Und das wird den einen oder anderen neuen Kunden zu Bibliotheken treiben. Denn: die Kosten für die Beschaffung und Verarbeitung von Information sind enorm hoch, die Bibliothek ist aber hier unschlagbar günstig. Der Zugang zu Datenbanken ist für Inhaber einer Leserkarte (Jahrespreis ein paar Euro) geradezu geschenkt. Die Bibliothek ist so etwas wie die Low-Cost-Airline unter den professionellen Informationsanbietern. Das gilt aber auch für alle offenen Web-Angebote (Google & Co). Treffen wird das wiederum die Informationsproduzenten, die mit fallenden Auflagen und Lizenzen spekulieren müssen.
  10. Wird mehr in einer Bibliothek nachgefragt, dürfte das ihre Stellung stärken. Es gilt also, die “Öffentlichkeit”, d.h. hier die Wirtschaft, über die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung in Bibliotheken aufzuklären und entsprechende Services speziell für diese Gruppe auszurichten. Es ist also zweierlei notwendig: den Bedarf dieser neuen Zielgruppen zu kennen, und die Bereitschaft, ihr auch ein entsprechendes Angebot zu machen.

Mir scheint dieser Ausblick recht positiv, auch wenn die Bibliothekswelt nicht ungeschoren aus dieser globalen Krise kommen dürfte. Die Chancen in dieser Umbruchsphase sind groß – Open Access, Open Source, Web 2.0, neue Kundengruppen, bessere Wahrnehmung, mehr wirtschaftliche Professionalität in den Führungsetagen – man sollte sie aufgreifen. Was meinen Sie dazu?

Comments

6 Responses to “Finanzkrise und Bibliotheken – offene Fragen und Strategien”

  1. Markus Trapp
    October 31st, 2008 @ 11:27 am

    Auf die Verbindung Finanzkrise / Open Access bin ich noch gar nicht gekommen. Ein guter Gedanke. Danke für diesen Artikel.

  2. MBuz
    November 3rd, 2008 @ 3:29 pm

    hallo Markus,
    das mit Open Access war son eine Idee. Vielleicht trägt das ja wirklich Früchte. Das ist eine Chance für beide Seiten, denke ich.

  3. Funding Dienst “GivenGain”
    November 4th, 2008 @ 6:10 am

    [...] einem meiner letzten Artikel über die möglichen Folgen der Finanzkrise für Bibliotheken habe ich auch das Thema “Funding” angesprochen. Ein Service, der Projekte, NPOs und [...]

  4. CH
    November 11th, 2008 @ 12:41 am

    Schöner Artikel! Ich denke, da kann sich in der nächsten Zeit tatsächlich einiges bewegen. Die ersten Auswirkungen der Krise kündigen sich schließlich schon an.

    Zu einigen Punkten habe ich mich hier schon geäußert, aber was mich noch besonders interessiert ist Punkt 7: Social Lending. Ist das für Bibliotheken in Deutschland legal? Dürfen Bibliotheken (also die, die sich in öffentlicher Trägerschaft befinden) Kredite aufnehmen und andere Finanzierungsmethoden anwenden? Ich muss sagen, dass ich mich als Steuerzahler unwohl fühlen würde, wenn ich wüsste, dass meine Bibliothek eventuell über ihre Verhältnisse lebt.

  5. MBuz
    November 11th, 2008 @ 8:43 am

    Ob Social Lending möglich ist oder nicht, kann ich als Rechts-Laie nur schwer beantworten. Mein Grundverständnis sagt, dass eine selbständige Organisation / Körperschaft auch über ihre Finanzierung entscheiden darf. Wenn der Eigentümer die Stadt oder die Gemeinde ist, dann liegt es in ihrem Ermessen, welche Drittmittel-Beschaffung sie vornimmt. Ich meine, dass Kredite über das Stadtbudget einer öffentlichen Bibliothek zukommen. Aber warum nicht eine – aus finanzieller Sicht evt. – günstigere Finanzierung über Privatpersonen (Social Lending) vornehmen lassen? Ich würde meiner Stadtbibliothek in Dornbirn sicherlich eine höhere Bonität geben als einem Kleinunternehmen (natürlich sehr pauschal gesprochen). Bei manchen Social Lending Modellen ist es auch so, dass man eine Art Einlagegarantie erhält.
    Ich denke aber über die eigentliche Finanzierung hinaus: wie würde sich das Bibliothek-LeserInnen Verhältnis ändern, zu einem Kreditgeber-nehmer Verhältnis? Hätten wir dann evt. eine stärkere Einbindung der Bibliothek in das Stadtleben? Kann sogar die Bibliothek den Part des Kreditgebers übernehmen? Da kommen viele Fragen auf…
    Grüße
    Mark

  6. CH
    November 11th, 2008 @ 10:41 am

    Kann sogar die Bibliothek den Part des Kreditgebers übernehmen?

    Ich hoffe nicht. Abgesehen vom nötigen Knowhow, dass man sich kaum nebenbei draufschaffen kann, wäre das Risiko für die Bibliothek in jedem Fall zu groß. Das würde den sicheren Tod der Institution im Falle einer Kreditkrise bedeuten.

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