Hörbücher nicht nur im Handel ein Hit. Von der Hörbibliothek Graz Mariahilf

Einen Einblick in die Welt der Hörbücher und was öffentliche Bibliotheken mit dem Thema machen, bietet das folgende Interview, dass ich mit Christa Wiener-Pucher von der Grazer HörBibliothek Mariahilf geführt habe.


MBuz: Hörbücher sind stark im Kommen. Können Sie uns sagen, warum eigentlich? Geschichten im Radio gab es schon früher, und Audiokassetten waren schon immer ein einfach zu bedienendes, überall verfügbares Medium.
Christa Wiener-Pucher: Hörbücher erleben im deutschsprachigen Raum seit etwa 2000/2001 einen Aufschwung. Als „Startschuss“ könnte man die Buchmesse in Leipzig nennen, die 2001 erstmals im größeren Ausmaß (25% der Ausstellungsfläche) Hörbücher dem Publikum zeigte.
Geschichten im Radio gab es natürlich, doch musste man sich nach den Terminen der Sendungen richten. Diesen Nachteil können Hörbücher aufheben, man kann sie anhören wo und wann man möchte. Außerdem sind Hörbuchverlage dazu übergegangen, aktuelle Bücher auch als Hörbücher herauszugeben und das hat sicher sehr zur Verbreitung beigetragen. Frühere „Straßenfeger“ wie „Gestatten mein Name ist Cox“ oder „Paul Temple..“ wurden oft als Aufhänger (Nostalgie) für Hörbücher verwendet.
Audiokassetten, besonders beliebt als „Kinderkassetten“, haben halt den Nachteil, dass es oft einen „Bandsalat“ gegeben hat. Den Vorteil, dass man von der Stelle weiterhören kann, wo man aufgehört hat und das auch in einem anderen Abspielgerät, hat sie der CD als Trägermedium noch immer voraus.
Einerseits hat sich eine Kultur des „Nebenherhörens“ entwickelt – beim Autofahren, Kochen, Gartenarbeiten, Walking; andererseits auch eine Kultur des „Zuhörens“. Klassische Literatur von ausgebildeten Sprechern vorgelesen zu bekommen ist eine andere Dimension der Literatur.

MBuz: Bücher, Web, Hörbücher, DVDs – es gibt viele verschiedene Medien, die sich für BibliotheksnutzerInnen als Quelle anbieten. Welche Lesergruppen nutzen vor allem Hörbücher? Und welche Dienstleistungen werden von einer Hörbibliothek besonders erwartet?

Christa Wiener-Pucher: In den 8 Jahren seit es die HörBibliothek gibt hat sich doch einiges herauskristallisiert:

  1. Die Hauptgruppe der Nutzer sind aktive Leute zwischen 25 und etwa 50 Jahren. Diese Gruppe nutzt Hörbücher sehr zum eigenen Vergnügen. Immer mehr erfahren wir, dass die Hörbücher bei längeren Autofahrten genutzt werden. Das kann beim täglichen „zur Arbeit fahren“ sein, oder bei Urlaubsreisen, Dienstreisen (Aussagen wie: “am Zielpunkt sind wir noch im Auto sitzen geblieben, wir wollten das Ende des Hörbuchs unbedingt hören” – kommen immer öfter vor !); aber ein Hörbuch gehört für viele auf jeden Fall ins Auto.
  2. Für viele BibliothekarInnen ist unsere Statistik, dass mehr als 40% unserer Nutzer Männer sind, sensationell. Der „normale“ Anteil von Männern in Bibliotheken beläuft sich auf 3-8%! (Das soll aber nicht heißen, dass Männer lesefaul sind !)
  3. Eine weitere Gruppe der Nutzer, die ursprünglich gedachte Zielgruppe, sind Menschen mit Sehproblemen. Sie sind auf Hörbücher angewiesen, wenn sie Literatur genießen wollen. Der Anteil dieser Gruppe ist aber viel kleiner, als ursprünglich angenommen.

Als Dienstleistungen werden von uns Aktualität, Wissen um die Inhalte (damit man beraten kann), übersichtliche Möglichkeit des Aussuchens und Freundlichkeit erwartet.

MBuz: Können Sie uns etwas zu den Entlehnzahlen im Bereich Hörbücher sagen?
Christa Wiener-Pucher: Bei etwa 220 regelmäßigen Nutzern gab es im Jahr 2005 rund 4000 Entlehnvorgänge. Das ist nicht vergleichbar mit Stadtbibliotheken, da wir ja nur ein Segment anbieten und das 3x/Woche bei insgesamt 6 Stunden Öffnungszeiten.

MBuz: Welche Themen sind die “Renner” bei den Hörbüchern? Krimis? Liebesgeschichten?

Christa Wiener-Pucher: Unsere „Hitliste“ birgt Überraschungen. So führt „Mai : Weltgeschichte“ vor einigen Krimis von Donna Leon, Mankell, Dan Brown an, aber dann kommen wieder Sachbücher wie von „Sick: Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“ oder „Hawking: Das Universum in der Nussschale“ oder „Wetter macht Geschichte“….

MBuz: Ein paar Worte noch zur Hörbibliothek Graz Mariahilf. Wie hat sich diese entwickelt und war sie schon immer ausschließlich für Hörbücher da?

Christa Wiener-Pucher: 1997, als ich in den Pfarrgemeinderat gewählt worden bin, hat man mich eingeladen, in der Bibliothek mitzuarbeiten. Ich habe dann zwar nicht mitgearbeitet, aber es kam mir die Idee, ob es nicht so etwas auch für Kassetten und CDs geben könnte, wobei meine gedachte Hauptzielgruppe doch Menschen mit Sehproblemen waren. Mit Unterstützung des Leiters des Bibliothekszentrums Steiermark, Herrn Johannes Zabini, machte ich mich auf die Suche, in einem damals kaum vorhandenen Markt gesprochene Literatur zu finden. Es war sehr mühselig, aber nach einem knappen Jahr Vorbereitung konnte ich 1998 bei der Eröffnung in einem kleinen „Winkel“ des Pfarrsaales ca. 140 Hörbücher anbieten.
Derzeit sind es mehr als 1600 Hörbücher aus allen Genres: Klassische Literatur, Krimis, Romane, Biographien, Humor, Sachbücher, Kinder- und Jugendliteratur und auch fremdsprachige Literatur.
Damals war unsere Hauptaufgabe, bekannt zu machen, was der Begriff „Hörbuch“ eigentlich bedeutet. Erst in den folgenden Jahren, eben auch mit dem „Start“ des Hörbuchs in Leipzig, stieg das Interesse auch bei uns. 2002, die HörBibliothek platzte aus allen Nähten, konnte die Pfarre Mariahilf einen Raum, der direkt vom Mariahilferplatz zu betreten war, adaptieren und diesen Raum benutzen wir hoffentlich noch lange.

Ursprünglich suchte ich in Graz, der Steiermark und später in Österreich Möglichkeiten von anderen Informationen über Hörbücher zu bekommen, um dann festzustellen, dass ich ziemlich „Vorreiterin“ auf diesem Gebiet war. Vorträge in der Steiermark und auch in Strobl bei der Bibliothekarsausbildung haben dann viele andere auch auf diesen interessanten Bereich der Literatur in den Bibliotheken gebracht.
Die HörBibliothek Mariahilf ist also von Haus aus als reine HörBibliothek gegründet worden und war die erste und scheint noch immer die einzige öffentliche HörBibliothek Österreichs zu sein. Nach Aussagen von Renè Wagner (www.hoerothek.de) dem Fachmann für Hörbücher in Deutschland, dürfte es auch in Deutschland keine öffentliche HörBibliothek geben !

MBuz: Und zuletzt eine persönliche Frage: welches Hörbuch würden sie einem Hörbuch-Neuling, männlich, 35 Jahre alt, mit Interessen im Bereich der Geschichte, Philosophie und Reisen empfehlen?

Christa Wiener-Pucher: Da wüsste ich schon etwas: „Kehlmann: Die Vermessung der Welt“ auf 5 CDs…

MBuz: vielen Dank für das sehr informative Interview!

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1 Kommentar zu “Hörbücher nicht nur im Handel ein Hit. Von der Hörbibliothek Graz Mariahilf”

  1. Hörbuch- und Podcast-Blog » Blog Archive » Newsticker 30.11.2006 Says:

    [...] +++ Mark Buzinkay vom MBI Blog hat ein sehr interessantes Interview mit Christa Wiener-Pucher geführt. Diese leitet nämlich die Grazer HörBibliothek Mariahilf. [...]

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