Peter Morville: Ambient Findability. What we find changes who we become.

Nun sind mehr als 10 Jahre des Web-Zeitalters vergangen, und es hat sich was getan. Einiges sogar, und das ist untertrieben. Unser Gefühl, dass wir mit diesem neuen Medium und mit seiner äußerst dynamischen Entwicklung kaum mitkommen, trügt nicht.

Mein eigenes Blog hier ist ein Beispiel dafür, welche Fülle an Anwendungen, Möglichkeiten und alltäglichen Veränderungen in unserem Privat- und Berufsleben das World Wide Web hervorbringt. Und das ist ja nur ein kleiner Ausschnitt. Viele tausende Fachblogs allein beschäftigen sich mit Blogging-Anwendugen. Und Peter Morville findet das auch einen bemerkenswerten Zustand. Und darüber handelt sein Buch „Ambient Findability“ – über den Stand des Web, über kommende Entwicklungen und welche Auswirkungen das virtuelle Suchen für unser Leben haben wird.

Wer ist Peter Morville? Peter ist angesehener Experte auf dem Gebiet der Informationsarchitektur und sitzt im Rat der Fakultät der School of Information der Universität Michigan. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher zum Web veröffentlicht und ist ein gefragter Vortragender.

Nun aber zum Buch: der rote Faden des Buches ist die Feststellung, dass alles in unserer Welt suchbar und auffindbar gemacht wird, seien es Daten, physische wie virtuelle Objekte und auch Personen. Damit zusammenhängend erfolgt eine Veränderung der Lebensweisen jedes Einzelnen von uns. Peter Morville zeigt aber, dass Suchen und Finden schon immer ein Teil des menschlichen Naturells war und ist, nur dass sich die Methoden und Werkzeuge und damit die Möglichkeiten verändert haben.

Damit ist auch der Titel schon erklärt: „ambient findability“ bedeutet all-umfassende Auffindbarkeit. Alles wird ortbar, auffindbar, lokalisierbar. Produkte können von ihrer Herstellung bis in den Haushalt des Kunden verfolgt werden, Kinder auf ihrem Schulweg von ihren Eltern digital überwacht und Verhaltensweisen von Web-Usern detailliert analysiert werden. Wir werden auch in digitalen Welten wie Second Life orten und geortet werden, unsere Gespräche aufzeichnen und unsere Vorlieben mit virtuellen Freunden teilen.

Ganz nebenbei zwischen spannenden Beispielen, erschreckenden Zukunftsszenarien und manchmal schon geläufigen Diensten (hier sieht man, wie schnell die Dynamik des Web dieses Buch teilweise eingeholt und überholt hat) erläutert Morville Begriffe wie „Information“ und „Information Retrieval“. Diese Einschübe können von Informationsexperten getrost bei Seite gelassen werden, für den Laien der digitalen Informationswelt ist dies aber eine gute und knappe Einführung.

Quer durch das rund 200-seitige Büchlein liefert Peter Morville immer wieder Beispiele von Anwendungen und Tools, von Hardwarekomponenten und Konzepten, wie vernetzt wir bereits mit dem Web und dem digitalen Informationsaustausch leben. „Intertwingled“ nennt der Autor dieses Phänomen und verweist auf die rasante Entwicklung, die die Grenze zwischen Realität und Virtualität, zwischen Mensch und Maschine auflöst.

In weiterer Folge zieht Morville die Konsequenzen, zunächst für das Web und die darin enthaltenen Anwendungen: Werbung, Meta-Information, Semantic Web und automatisierte Dienste von Software Agenten, die Menschen im Web in einem bestimmten Ausmaß ersetzen werden.

In Summe bleibt nach der Lektüre des Buches, die einen guten Abend ausfüllt (das Englische ist leicht verständlich und für einen Informationsexperten sind die meisten Begriffe geläufig), ein zweigeteiltes Gefühl zurück. Zum einen ist die Spannung auf das Kommende riesig, und die Zusammenhänge der Auswirkungen durch das Web werden sichtbarer. Zum anderen hinterlässt das Buch aber auch eine gewisse Enttäuschung. War denn das wirklich alles zum Status Quo der „ambient findability“? Da spielt natürlich die individuelle Erwartungshaltung eine große Rolle. Aber ich denke, der ganz große Wurf war dieses Buch auch nicht.

Meine Empfehlung: ein gutes Buch, um den Zustand des Web und seiner Auswirkungen auf unser tägliches Leben zu erfahren. Wirklich neue Erkenntnisse birgt das Werk schon aufgrund der Dynamik seines Beschreibungsgegenstandes nur zu einem bestimmten Teil.
Ambient Findability
Bibliographische Angaben:
Peter Morville: Ambient Findability. What we find changes who we become.
O’Reilly Verlag, 2005, ISBN 0-596-00765-5

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