Bruno Klammer und die Sprache der Bestandserfassung
In einem Post im Mai dieses Jahres habe ich das Projekt ‘Erschließung historischer Bibliotheken’ in Südtirol vorgestellt. Nun durfte ich Bruno Klammer, Kopf des Projekts, zu einem kurzen Interview bitten.
Meine erste Frage richtete sich zur Finanzierung eines Projekts solcher Größenordnung, vor allem, wenn man die mehr-jährige Dauer in Betracht zieht.
Bruno Klammer: “Die EHB-Sponsorschaft hat sich durch ein paar glückliche Fügungen ergeben: Das Entscheidende in solchen Fällen ist immer die „Autorität“ der Ideenträger selbst. Ich hatte 9 Jahre als Vizedirektor und 14 Jahre als Direktor ein sehr angesehenes humanistisches Gymnasium geleitet, und war auch publikatorisch, wenn auch kontrovers, präsent. Praktisch allen Vertretern des Stiftungsrates der Stiftung Südtiroler Sparkasse war ich persönlich oder namentlich bekannt. Vor allem als „liberaler“ Ideenträger. Für die Sponsorschaft weiter entscheidend war mein Weg zur Diözese als ideelle Mitträgerin des Projekts (Pfarrbibliotheken, Klosterbibliotheken, Diözesanbestände, alte Schulbestände…).”
Nun zur Umsetzung. Wie war es möglich, ein derartiges Projekt zu planen, überhaupt anzudenken, geschweige denn so erfolgreich und über so eine Zeitdauer zu realisieren?
Bruno Klammer: “Für die Umsetzung habe ich ein Paket von Texten (Bestandsdarlegung, Projektmotivation, Projektziele, Projektaufbau, Einstiegskosten für den technischen Aufbau, Personalvorstellungen…) geliefert. Es waren eine Reihe von Rückfragen, auf die jeweils geantwortet werden musste.
Der Einstieg erfolgte mit zwei Personen und hatte folgende Voraussetzungen: Ich besuchte alle Pfarreien des Landes, sämtliche Klöster, wichtige Bestandsträger… und fertigte mir dazu an die 350 Übersichtsprotokolle an. Die Diözesanleitung teilte meinen Auftrag den Pfarrern über das Amtsblatt mit. Gleichzeitig fand sich ein Kloster bereit, für den Projekteinstieg zur Verfügung zu stehen. Die Erschließungskriterien und bibliothekarische Belange wurden zunächst mit der Bayrischen Staatsbibliothek abgeklärt.
Für die technischen Probleme suchte ich mir eine geeignete Ansprechfirma. Für das Bibliothekssystem kam die Fa. BOND in Frage. Die EHB-Erschließung greift während ihrer Tätigkeit in andere Netzbeziehungen, wie z. B. Ausleihe, Kunden-Verwaltung etc., nicht ein, sondern konzentriert sich voll auf die Erschließung. Für die EHB-Katalogansiedlung konnte die Freie Universität Bozen gewonnen werden.”
Wenn man so lange an einem Projekt arbeitet, ergeben sich zwangsläufig Höhen und Tiefen. Welche Höhepunkte haben Sie während dieser Jahre erlebt?
Bruno Klammer: “Die Highlights des Projekts waren viele: Allmählich schälten sich hinter den Beständen Bestandsnetzwerke heraus. Dann wurde sichtbar, wie sehr die Landeskultur, die Mentalitätsgeschichte des Landes von den Beständen (und von welchen Beständen) geprägt worden war.
Ein ununterbrochenes Highlight ist das Sichtbarwerden einer unvermuteten Werkvielfalt im Lande. Weitere Punkte der Überraschung sind die europaweite Bestandsstreuung (nach Bezugs- und Druckorten), die Bestandswege mit ihren Hintergrundströmungen, Bestandsflüsse…. Nach und nach wird die Faszination der Kataloge sichtbar.
Eine große Bereicherung ist die Erfassung aller Einträge und der Aufbau einer Exlibris-Kartei. Das ermöglicht Buchwege nachzuzeichnen. Highlights sind nicht nur ein bereits über 600 angewachsener Inkunabelbestand, sondern auch zahlreiche Einzelwerke. Besonders Faszikelbände bringen vieles, das nur noch in einem einzigen Faszikel erhalten ist (Einweihungsreden, Jubiläumsansprachen, geringblättrige Beilagen…).
Und noch einmal: Mit der Zeit entwickelt sich eine eigene Sprache um die Bestandserfassung, ein Lexikon des Buchwesens gleichsam mit einer eigenen Einsichtsphilosophie in Kultur- und Geistesgeschichte. Zahlreiche Bücher sind wie ein Weltbild seiner Zeit. In manchem wird das Kulturbild des Landes etwas ergänzt bzw. auch umgezeichnet werden.
Immer Highlights sind die Entdeckung von ganzen bisher in Wissenschaft, Öffentlichkeit und Forschung nicht bekannten Sammlungen und Beständen. Und die Kommunikation mit bestandsaffinen Sammlern und Kennern.”
Damit kommen wir auch zu den “Tiefen” eines solchen Projektes. Schwierigkeiten sind aber auch dazu da, neue Lösungsansätze und -wege zu finden. Wie sahen diese aus?
Bruno Klammer: “Schwierigkeiten gibt es ganz unterschiedlicher Art:
- in der Vertrauensbildung, damit Zugänge zu nichtöffentlichen Beständen geöffnet werden (gut gelungen, Überwindung von Ängsten, Abstand von Amts- und Verwaltungshybris, Diskretion im Umgang mit Fehlern, die gemacht worden sind, z.B. Entsorgungen, Veräußerungen, dubiose Antiquariatsbeziehungen….,
- Zu Beginn steht die sachlich-kritische Festlegung der Aufnahmekriterien (nicht zu rigides Verhalten, Anpassung an Bestandslagen, Signaturensysteme, Entscheidungen über Signaturenneuvergabe bzw. Signaturenbeibehaltung, Signaturenergänzungen….; Auswahl und Einschulung von qualifiziertem Personal (Diplombibliothekare, Akademiker aus unterschiedlichen Bereichen, Sprachkenner des Lateinischen und Griechischen….
- Arbeitsplatzeinrichtung. Ohne direkten Handzugriff auf die Werke kann kein RAK-WB-Sachkatalog erstellt werden. Die Bestandseigentümer haben bisweilen Mühe, Räume frei zu machen, in denen Katalogplätze über längere Zeit eingerichtet werden. In Klöstern musste dann und wann die Klausurbestimmung für weibliche Mitarbeiterinnen für einige Zeit gelockert werden. Weit auseinander gezogene Netzwerke zum Server bieten Übertragungsprobleme für Betreuungsfirmen der Strom- und Leitungsnetze…..
- Sponsoren müssen laufend neu motiviert werden, daher ein bestimmter Aufwand an Publicitypräsenz (Abschlussfeiern nach Erfassung eines Bestands, Bestands- und Arbeitsberichte für eine interessierte Öffentlichkeitsgruppe, Memoranden, Haushaltsverhandlungen…..
- Zahlreiche Verwaltungsprobleme treten auf im Zusammenhang mit Arbeitsverträgen, Versicherungen, arbeitsrechtlichen und genossenschaftlichen Belangen.”
Was nehmen Sie aus dem Projekt für sich mit, welche Lehren kann man daraus ziehen?
Bruno Klammer:
- Mit der Katalogerstellung kommen auch Probleme der Beratung, der Bestandsaufstellung, der Bestandsverlagerung etc. auf. An mehreren Erschließungsorten ist es zu vollkommen neuen Bibliothekseinrichtungen (Umbauten, Neubauten, Verlagerungen an geeignetere Standorte…) gekommen. Dies hängt mit einer neuen Bewusstseinsbildung zusammen, welche Erschließungen auslösen.
- Mit der wachsenden Größenordnung eines Projekts und mit der Zeit wachsen von amtlicher Seite plötzlich Zuständigkeitsfragen heran und legen sich bisweilen quer.
- Für Diplomanden, Forschung, Dissertanten, Kulturzeitschriften tun sich regelrechte Fundgruben auf. Vor allem lokal bildet sich allmählich ein Bestandsinteresse bei Hochschülern, Uni-Absolventen, Diplom- und Seminarschreibern/innen etc. (leider auch von Antiquaren, Privatsammlern, Händlern) heraus, aber auch in den lokalen Medien wächst die Aufmerksamkeit. Insgesamt entfaltet sich eine bestimmte Sensibilisierung (die sich dann grundsätzlich auf „alte“ Sachen auszuweiten scheint).
- Historische Sammelstellen werden in zunehmendem Maß zu Anlaufstellen für Bibliothekslegate, Bestandsvermachungen, privaten Bestandsüberlassern. So hat sich der Buchbestand an einer Arbeitsstelle nach Bekanntwerden durch EHB innerhalb von 2 Jahren verdreifacht.
- Es gibt zahlreiche Lernprozesse hinsichtlich der Institution Buchwesen / Buchkultur / Mentalitätsvermittlung / hinsichtlich Epochen- und Zeitphilosophie / hinsichtlich religionskultureller Prägung und Entwicklung / Rechtsphilosophie etc. Der Umgang mit historischem Buchgut ist ein Weltbildprozess und die Genese einer vielfältigen Tiefenperspektive.“
Vielen Dank für das sehr informative Interview!
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Oct 15th, 2006 at 2:59 pm
“Ich hatte 9 Jahre als Vizedirektor und 14 Jahre als Direktor ein sehr angesehenes humanistisches Gymnasium geleitet”
einerseits steht der hinweis auf das fg ganz am anfang des interviews. pbk definiert sich wohl immer noch über seine “schul”-zeit…
“Vor allem als „liberaler“ Ideenträger.” halloooooo???! was bitte ist an ihnen liberal,pb? ich denke ebenso könnte man den weihanchtsmann als liberal bezeichnen oder frau holle oder …oder .. oder…
nichts für ungut: aber liberal????