Suchmaschinenoptimierung: Information als Ware oder Wahrheit?

Live vom Österreichischen Bibliothekartag in Bregenz: Mein Vortrag zum Bibliothekarsthema - wa(h)re Information. Ein Resumee.
Information als Ware rückt unaufhaltsam in den Mittelpunkt der Ökonomie des 21. Jahrhunderts. Wir erkennen dies nicht nur am steigenden Anteil des 3. Wirtschatssektors (Dienstleistungen), sondern auch an ihrer Bedeutung im globalen Wettbewerb. Innovation ist das gängigste Schlagwort, wenn es um wirtschaftliche Strategien gegen Billiglohnländer geht. Nicht jede neue Erfindung ist Innovation; Innovation basiert auf dem Wissen über Kunden, Kundenbedürfnisse und Märkte. Die Grundlage dieses Wissens ist Information.
Information steht im Kern einer Ökonomie der Aufmerksamkeit. Da Zeit (nicht nur) im beruflichen Alltag eine der knappsten Ressourcen überhaupt ist, kann nicht die gesamte, zur Verfügung stehende Informationsmenge zur Entscheidungsfindung durchsucht und bewertet werden. Der Einzelne sieht sich vor dem Problem der Erstauswahl, ohne jegliche Bewertungsmöglichkeit. Einzelne Informationsbrocken stehen somit im Wettbewerb um die beschränkte Aufmerksamkeit einer Person. Nur was bewusst wahrgenommen wird, ist auch existent. Alles andere blenden wir aus.

Suchmaschinen sind ein wichtiges Werkzeug in der Bewältigung der Informationsflut. Suchmaschinen verkörpern diese Ökonomie der Aufmerksamkeit auf besondere Weise. Denken wir nur an die vielen Tausend und Millionen Treffer in Suchmaschinen, die uns einzelne Suchbegriffe ausgeben können. Im Normalfall werden aber nur jene Treffer kognitiv registriert, die sich auf der ersten Seite befinden. Individuell wertvolle Informationen der nächsten Seiten werden nicht erkannt, im Regelfall. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit definiert Erfolg durch das Auftauchen im Blickfeld des Individuums, durch die Widmung von Zeit für die Überprüfung von Information. Im Web (=Suchmaschinen) ist es der Algorithmus der Suchmaschinen, der über Erfolg und Misserfolg in der Masse der Information entscheidet.

Aus dem vorher gesagten ergibt sich eine Schlussfolgerung: will Information wahrgenommen werden, dann muss sie auf den ersten Trefferseiten einer Suchmaschine zu finden sein. Ist sie das nicht, dann ist sie nicht im Blickfeld des Betrachters und daher nicht existent. Aufgrund der Ökonomie der Aufmerksamkeit rücken jene Informationsgehalte in den Vordergrund, die eben auf diesen ersten Seiten aufscheinen.
Bestimmend für eine Listung eines Treffers ist der Algorithmus einer Suchmaschine; diese sind von Dienst zu Dienst unterschiedlich. Die Funktionsweise der Suchmaschinen ist dem Prinzip nach trivial - sie sammeln Information über Webseiten, speichern sie in Datenbanken ab und geben die Information bei Verlangen wieder aus. Der kritische Moment ist vielleicht gar nicht das Retrieval, also die Ansprache der Datenbank über Suchbegriffe - hier gibt es Versuche, das semantische Web aufzuziehen und die Suche intuitiver (sprich ‘geführt’) zu machen. Im Regelfall sind es die ‘unsichtbaren’ Hürden und Begrenzungen, die die Suchmaschinen im Kontext einer Ökonomie der Aufmerksamkeit zu einem (un-)freiwilligen Instrument der Zensur machen: die Datenbasis und die Manipulation von Information.
Die Datenbasis ist der Urstoff, aus dem die Suchmaschine ihre Treffer auswirft. Es kann nur das angezeigt werden, was in einer Datenbank vorhanden und freigegeben ist. Suchmaschinen haben nur wenige Prozent der verfügbaren digitalen Information indexiert, teilweise weil Information Ware ist und von den Eigentümern nicht an die Allgemeinheit verschenkt wird. Suchmaschinen eignen sich auch als bewusst eingesetzte Zensoren, die bestimmte Suchbegriffe ausklammern (siehe Google und China).
Der Nutzen von Suchmaschinenoptimierung ist zunächst rein ökonomisch begründet (bessere Sichtbarkeit, mehr Besucher, mehr Umsatz) und hat durchaus seine Berechtigung (’wertvolle’ von ‘nicht wertvoller’ Information zu trennen). Aber auch für NPOs hat es eine Bedeutung: z.B. “ihre” Botschaft aussenden.

Sehr oft aber wird das Mittel zum eigentlichen Zweck - um jeden Preis auf der ersten Trefferseite zu stehen. Die Folgen sind bekannt - unbrauchbare Trefferresultate, übersät mit Kommerz. Wir erinnern uns noch an die Anfänge der Suchmaschinen, als noch über Meta-Tags Trefferrankings definiert wurden; heute heißt das Suchmaschinen-Spam. Hier spaltet sich Information von Wahrheit.

Wie funktioniert Suchmaschinenoptimierung?
Der ‘Trick’ dabei ist, die Seite für den Mittelsmann - also die Suchmaschine - so bedeutsam zu machen, dass sie weit vorne in der Trefferliste gereiht wird. Es gibt hierbei eine Unzahl von Faktoren, die den Reihungsalgorithmus von Suchmaschinen dienen. Viele sind unbekannt, und nichts Genaues tritt über den Algorithmus nach aussen, um ihn vor weiteren Manipulationsversuchen zu schützen. Viele Faktoren sind kaum beeinflussbar und werden von den Suchmaschinen überwacht, um einen Missbrauch aufzudecken.
Hier unterschieden wir zwischen Faktoren innerhalb der Seite (kann die Seite von Spidern überhaupt gelesen werden? Kommt der Suchbegriff auf dieser Seite vor? Wenn ja, wie oft und wo ist er platziert?) und Faktoren außerhalb der Seite (wer verweist auf mich? Wie oft wird die verweisende Seite „zitiert“?).

Konsequenzen für Informationsanbieter

  • Sämtliche Anbieter von Information im Web (das sind alle Webseitenanbieter) müssen sich mit dem Konzept der Ökonomie der Aufmerksamkeit, und damit mit Werkzeugen wie der Suchmaschinenoptimierung, auseinandersetzen, um sichtbar zu bleiben.
  • SEO, SEM und online-PR gewinnen zunehmend auch in Europa an Bedeutung: mehr Information ist online (größerer Wettbewerb), Online als Medium gewinnt immer mehr an Bedeutung (auch eCommerce), dadurch wird der Wettbewerb noch mehr verschärft
  • Wie kann man aber sicherstellen, ’sauber’ zu bleiben und doch Erfolg zu haben? Zum einen entwickelt sich die Suchmaschinentechnologie im raschen Tempo zu immer ausgeklügelten Methoden der Erkennung von Falsch-Manipulation, zum anderen verpflichtet man sich und die beauftragte Firma zu einem ethischen Codex, dass Information nicht nur Ware, sondern auch Wahrheit ist. Bei Nicht-Beachtung droht Aussperren aus dem Index, und damit Nicht-Existenz

Konsequenzen für Informationsnutzer

  • Eine alte Forderung aus dem Bereich der Bibliotheken und Informationswissenschaften: die Kernkompetenzen im Zusammenhang mit online Medien müssen vorhanden sein. Dazu gehört auch die Formulierung von diffizilen Abfragen als Kernkompetenz. Unterschiedliche Abfragen sollen Qualität der Ergebnisse überprüfen und abwiegen können.
  • Ergebnisse dürfen nicht mit einem einzigen Werkzeug erstellt werden. Aber ehrlich: wer prüft seine Anfragen in drei verschiedenen Suchmaschinen oder anderen Retrieval-Systemen? Diese Forderung ist zwar logisch, aber in der Praxis (Zeitknappheit) kaum durchzuhalten. Hier kommt es wohl auf die Bedeutung der Information drauf an. Was wichtig scheint: es darf zu keiner Monopolisierung des Retrievals durch ein Suchwerkzeug kommen (derzeit werden rund ¾ aller Anfragen an Suchmaschinen im dt-sprachigen Raum bei Google eingegeben).
  • Ergänzend zu den Online-Skills ist es wichtig, dem Nutzer die Existenz von nicht-digitaler Information bzw. von Information, die nicht durch Suchmaschinen dargestellt wird, bewusst zu machen. Eine neue Aufgabe für Bibliotheken?

Wohin tendiert SEO?

  • Für SEO hat Information zwei Seiten: Wahrheit (gegenüber Nutzer, Suchmaschinen – ethischer Aspekt) und Ware (Trefferranking, Wahrnehmung, Traffic, Umsatz – ökonomischer Aspekt)
  • Bibliothekarischer Aspekt: Wer sich an Suchmaschinenoptimierung heran wagt, macht nichts anderes als adaptierte bibliothekarische Arbeit in einem anderen Medium (formale und inhaltliche Erschließung). Ein Praxis-Ethos wie an Bibliotheken (Regelwerke) ist aber erst im Entstehen. Hier könnten Richtlinien, die derzeit von einzelnen Suchmaschinen ausgegeben werden und schwer zu überschauen sind (und sich laufend ändern), helfen.
  • Technologischer Aspekt: Wie weit wird das neue Semantic Web (thematische Clusterung, Bedeutungserkennung) noch mehr eine Bevormundung sein oder doch eher eine Hilfe?

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1 Kommentar zu “Suchmaschinenoptimierung: Information als Ware oder Wahrheit?”

  1. Doro Says:

    ->Es ist das Zeitalter der Information,
    ganz sicher aber nicht das Zeitalter der Wahrheit.
    Interessanter Artikel! An Suchmaschinen kommt wohl keiner mehr vorbei.

    Ich würde mal ganz gerne ein Blog beisteuern,
    was definitv mehr Aufmerksamkeit verdient:

    http://disclosureproject.blog.de

    Ich empfinde es als eine echte Sauerei, das ich als Bürger noch NIE etwas von diesem Projekt in den Zeitungen gelesen habe. Suchmaschinenoptimierung hin- oder her:

    (Bezug meines Kommentares zu dem BlogBeitrag)
    das Projekt ist das typische Beispiel dafür, wie selbst im Informationszeitalter die Wahrheit nur schwer an die Leute rankommt.

    lieben Gruss an alle Leser
    Doro, verärgert

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