Bibliotheken in virtuellen Welten stark gefragt

Bibliotheksdienste in einer völlig virtuellen Welt? Kostenpflichtig für Avatare? Keine Phantasie, sondern reale “Wirklichkeit”.


Gibt es in virtuellen Welten Bibliotheken?
Gerade kürzlich habe ich über virtuelle Welten und deren Soziologie berichtet (”Die wahren Charaktere hinter Avataren“) und mir dabei die Frage gestellt, ob es auch in diesen virtuellen Welten Bibliotheken / Bibliotheksdienste gibt. Virtuelle Welten sind virtuelle Gesellschaften, die aus ihren Spielern und ihren virtuellen Vertretern, den Avataren, bestehen. Diese Spieler erschaffen nach und nach eigene virtuelle Stätten - Gebäude, Straßen, Grünflächen. Alles in 3D natürlich. Auch Wikipedia hat sich des Themas angenommen…
Mit den Worten der SpielerInnen heißt es treffend: “Second Life is a 3-D virtual world entirely built and owned by its residents. Since opening to the public in 2003, it has grown explosively and today is inhabited by over 300,000 people from around the globe. There are shopping malls, events, homes, lands of different types, and best of all, participants can contribute content, buildings, and other digital creations.” (via Second Life Blog)

2nd life 2nd life
Mehr Bilder aus der Welt von Second Life hier…


Second Life ist nur eines von vielen “Spielen”, wobei ich im obigen Artikel gezeigt habe, dass sich hier virtuelle und reale Welt bereits stark vermischen. Wenn schon Dienstleistungen diese Welt versorgen und das soziale Leben dort intensiv gepflegt wird, wie ist das mit kulturellen Angelegenheiten in der Sphäre der virtuellen Welt? Da dürften Bibliotheken nicht fehlen, und tatsächlich existieren diese.

In dieser sehr von Information geprägten Welt scheint die Tatsache, dass Bibliotheksdienste in Second Life vorhanden sind, zunächst nicht zu überraschen. Was interessant ist, ist das Faktum, wie vielfältig das Angebot ist. Neben einer Zentralbibliothek existieren eine Unmenge an spezialisierten Bibliotheken wie eine Medizinische Bibliothek; es existieren auch lokale Filialen, die über Suchfunktionen auf den gemeinsamen Medienbestand zugreifen können.

Podium Hauptbibliothek
Hier die Zentralbibliothek…

Die Bibliotheksdienste sind teils frei und teils kostenpflichtig. Vorsicht, keine Ironie: auch hier wird die Debatte über Open Access demnächst geführt werden, da zum einen viele reale Firmen das Geschäftsfeld “virtuelle Welt” für sich entdecken (z.B. Amazon, oder auch die BBC, die eine ganze (virtuelle) Insel für ihre Aktivitäten gemietet hat), andererseits auch das Bedürfnis nach Information und kulturellem Leben in der virtuellen Leben sehr stark gewachsen ist. Das scheint auf den Zustrom neuer “Immigranten” hinzuweisen, die dem älteren Publikum zugerechnet werden können.

Zur Erläuterung: jede/r SpielerIn erhält zu Beginn des Spiels eine bestimmte Summe virtueller Währung, die so genannten Linden Dollars (Linden ist der Eigentümer von Second Life). Braucht man zusätzliches Geld, so kann man es sich verdienen (also Dienste anbieten), etwas verkaufen (z.B. Land, wenn man über eines verfügt) oder auch in einer Art Wechselstube dies bei Linden gegen US Dollar eintauschen (umgekehrt funktioniert’s auch: wie werde ich meine Linden Dollar los?).

Die Idee des kostenlosen Tauschens von Information ist in der virtuellen Welt daher nützlich und nicht neu. Eine interessante Sache ist der eBook Flohmarkt: hier werden alle möglichen elektronischen Medieneinheiten getauscht oder gegen Entgelt zum Verkauf angeboten.
ebooks

Die Verquickung von realer und virtueller Welt zieht sich auch bis in die Bibliothekswelt: die Bibliothek von East Peoria, Illinois, hat mit ihrem Programm (Alliance Library System) einen gehörigen Fußabdruck in Second Life hinterlassen. Zunächst war die Idee, sich mit Second Life zu beschäftigen, eine Marketing-Überlegung, um auch das junge Publikum wieder verstärkt in die Bibliotheken zu bringen. Aus dieser Idee ist eine beachtliche Erweiterung der Produktstrategie geworden. Die virtuelle Welt ist ein gleichberechtigter Absatzweg unter vielen, bietet er doch das gleiche Medienangebot virtuell wie real an. Die Bibliothek folgt also auch hier den Kunden und bietet ihre Dienste dort an, wo sich potentielle Leserkreise tummeln (siehe auch den Beitrag über die Madrider Bibliotheksstrategien). Mehr darüber in einem späteren Beitrag.

Eine Einführung zum Thema “virtuelle Welten” und “Soziologie” findet sich auch im Buch Soziologie des Cyberspace. Medien, Strukturen und Semantiken von Udo Thiedeke.

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9 Responses to “Bibliotheken in virtuellen Welten stark gefragt”

  1. In meinem Beitrag
    Bibliothek – Mythos, Metapher, Maschine. Oder: Der Ort der Bibliothek in der Lebenswelt der Stadt. In: Civitas. Geometrie und Lebenswelt. Eine Ringvorlesung zur Stadt, hrsg v. H. Kleine, Potsdam: Fachhochschule 2001, 58-65.
    http://www.fh-potsdam.de/~hobohm/bibliothek-mythos-metapher-maschine.pdf

    hatte ich schon auf die sehr ähnlich aussehende “Librarea” in ActiveWorlds hingewiesen. Dort noch ein paar weitere Kommetare zu dem Phänomen.

    Gruß
    HC Hobohm

  2. Sehr geehrter Herr Buzinkay,

    interessant, dass Sie das Thema wiedermal aufgreifen. In meiner Studienzeit war dies auch schon mal diskutiert worden. Damals war alles aber noch von der Technik her sehr in Frage zu stellen. Cyberians mit ihren Cyberbibliotheken wurde als zu kostspielig und nicht tragfähig erachtet. Spielerei sagten andere. Doch jetzt, wo manche Home-PCs schon bei mehreren GB wenn nicht TeraBytes sind, wird es vielleicht doch möglich werden bzw. ist es schon.
    Skeptisch bin ich aber immernoch. Wozu diese Welt? Flucht aus der realen Welt? Sicherlich in Spielen kann die Bibliothek eine gute Funktion sein. Beispielsweise bei Riven oder Myst mit Fragen zu wissenschaftlichen Rätseln.

    Schönen Gruß

    Johannes Weiler

    PS: Im Rahmen der Expo 2000 wurde solch eine Bibliothek in Wilhelmshaven im Active Worlds Projekt “Expo am Meer” erstellt.

  3. Sehr geehrter Herr Weiler,

    vielen Dank für Ihren Beitrag. Es ist wirklich erstaunlich, warum es mittlerweile 12 Millionen Menschen gibt, die einen Großteil ihrer Freizeit in Form von Avataren lieber in virtuellen Welten verbringen als in der “realen” Welt. Das ist Motivforschung. Fakt ist aber, dass es diese Leute in diese Welt treibt, und dass sie dort ein Teil ihres wirklichen Lebens verbringen.

    Da es aufgrund der fortschreitenden Technologien gelingt, das Spiel immer mehr der Wirklichkeit anzunähern, gleichzeitig soziale Institutionen wie Freundschaft, Partnerschaft, Sex aber auch Parties, Geschäftstransaktionen etc. so selbstverständlich wie normal sind, ist die Idee, reale Geschäftsvorgänge und Dienstleistungen in der virtuellen Welt anzubieten, nur konsequent. Diese Konsequenz erklärt sich zwar meist aus kommerziellen Absichten, dies ist aber per se nicht schlecht. Dadurch erhält die virtuelle Sphäre noch mehr “Validität” von draußen, von der realen Welt. Es ist jetzt schon kein Spiel mehr, sondern “real”.

    In diesen Welten verdienen reale Menschen ihren Lebensunterhalt (über ihre virtuellen Avatare). Das macht sicher einen nicht unbeträchtlichen Reiz aus, hier vertreten zu sein, sowohl als Individuum als auch Organisation wie eben jene amerikanische Bibliothek. Ich meine, dass muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: virtuelle Wesen agieren miteinander, und ein Avatar bestellt in der virtuellen Parallelwelt Dinge, die dann die reale Person in der realen Welt erhält. Bezahlt wird in der virtuellen Welt.

    Ich finde, dass geht über die Eröffnung eines weiteren, strategisch sehr klugen Absatzkanals hinaus. Hier verlagert sich persönliche, reale Betreuung auf eine neue “Bühne”. Und hier sind dann ganz andere Fähigkeiten gefragt: schriftlicher Ausdruck in einem chatförmigen Gespräch beispielsweise. Präsentationsskills. Wünsche und Träume haben in dieser Welt viel mehr Platz, sie wird dadurch “ehrlicher”(?).

    Ich finde das eine sehr beachtenswerte Entwicklung, die sehr dynamisch wirkt und noch weitere, uns noch unbekannte Konsequenzen, auch für die Bibliothekswelt, nachsichziehen wird.

    Mit besten Grüßen

  4. Sehr geehrter Herr Buzinkay,

    interessant ist es allemal. Vielleicht haben Sie schon von der Geschichte des US-Multimilliardärs Ross Perot gehört. Er war auch mal Präsidentschaftskandidat. Er wurde mal entführt und musste sein Leben eine zeitlang im Cyberspace verbringen. Dies hat ihm so gefallen, dass er nicht mehr davon loskommen wollte. Man fand ihn, als die Geiselnehmer gefasst waren, sehr abgemagert vor. Stand soweit ich mich erinnere auch in einer CT Ausgabe. Es ging dabei um die negativen Folgen des Cyberspace.

    Ein anderer Amerikaner wollte über diese virtuellen Welten sich unsterblich machen. Diese Idee wird ja im Film “Matrix” auch teilweise suggeriert. Wenn sowas, wie Sie es schildern, hier funktioniert, dann könnte die “zweite Lebensdimension” durchaus Zukunft haben. Da bin ich aber ehrlich gesagt doch etwas skeptisch, obwohl ich selbst gerne Chatte und die Verlockungen nicht schlecht sind.
    Schönen Gruß
    Johannes Weiler

  5. Virtuelle Bibliotheken mal anders….

    Mark Buzinkay schreibt in MBI Informationsdesign in einem launigen Artikel über Bibliotheken in virtuellen Welten.

    Erst Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Belletristik und Film (mehr zum Thema hier), nun auch in digitalen Parallel-Universen….

  6. [...] Nach der interessante Diskussion über die Bibliotheken in Virtuellen Welten bietet der Harvard Prof. Charles Nesson jetzt seine erste virtuelle Lehrveranstaltung in Second Life an. [...]

  7. [...] Für einige ist Second Life die Zukunft des Internet, für andere ist es bestenfalls ein Online-Spiel, das hohe Anforderungen an die Hardware des Computers stellt. Doch egal: Second Life ist derzeit mega-in. Egal ob Spiegel Online oder Bildzeitung, alle berichten darüber, und namhafte Firmen wie Adidas, Sony oder Toyota nutzen Second Life als Marketing und PR-Plattform. Häufig erzielen diese Unternehmen durch die Berichterstattung über ihre dortigen Aktivitäten mehr Aufmerksamkeit als in Second Life selbst.Gerade diesen Umstand können sich derzeit auch Verlage und Autoren zunutze machen. Ein Autor, der sein Buch bei einer virtuellen Lesung präsentiert oder ein Verlag, der seine Bücher in einer digitalen Buchhandlung ausstellt, das mag derzeit manchem Medium einen Bericht wert sein. So schafft man es gegebenenfalls, über den aktuellen Hype das Interesse auf die eigenen Bücher zu lenken.Der kleine englische Verlag Snowbooks macht vor, wie so etwas aussehen kann. Passend zum Verlagsnamen präsentiert man in einer virtuellen Winterwelt die Bücher des Verlags in einer eigenen Buchhandlung. Vor dieser dreht sich das »Book of the Month«. Ein Klick darauf zeigt eine Leseprobe. Daneben eine Link, der die Website von Amazon aufruft, sodass man das Werk gleich bestellen kann. Weitere Titel des Verlages sind in der kleinen digitalen Buchhandlung zu sehen. Auch dort stehen Leseproben und Bestelllinks bereit. Als kleines Gimmick kann man digitale Buchregale für das eigene digitale Heim kostenlos mitnehmen, und Poster an der Wand weisen auf die Website des Verlags hin.Natürlich setzt das digitale Buchmarketing Kenntnisse in der Bedienung von Second Life voraus, denn man muss zum digitalen Baumeister werden. In Second Life gibt es aber auch eine ganze Reihe von Bibliotheken oder anderen Veranstaltungsorten. Vielleicht ist man dort für eine virtuelle Lesung offen? Fragen Sie einfach einmal nach.Anschließend sollten Sie natürlich auf Ihre Aktivitäten in einer Pressemeldung aufmerksam machen, die sie an entsprechende Medien schicken. Rufen Sie ggf. zuvor in den entsprechenden Redaktionen an und Fragen Sie, ob Interesse an einer Berichterstattung besteht. Denken Sie daran, dass hier sowohl die Kulturredaktion als auch die Redaktion (Neue) Medien interesse haben könnte. Seien Sie jedoch nicht größenwahnsinnig, und melden Sie sich nicht gleich bei SPIEGEL oder Focus. Allerdings könnte Ihre Regionalzeitung Interesse haben - und ein Anfang wäre gemacht. Technorati-Tags: second life, buchmarketing [...]

  8. [...] Spätestens mit der Diskussion um Sinn und Unsinn von Second Life sowie um die Frage, ob Web 2.0 wirklich so ein umwälzendes Konzept darstellt, ist das 3D Web keine Fantasie, sondern legitimer Nachfolger bestehender Web-Techniken geworden. Ein Zwischenschritt zum 3D Web bekommt man mit Virtual Earth von Microsoft zu Gesicht. [...]

  9. [...] Virtual Worlds: das ist ein sehr aktuelles Thema. Auch das 3D-Web ist Anwärter als Web-Standard. Wird zwischen 2012 und 2015 überall und für alle denkbaren Dienste im Einsatz sein, und zwar virtual world - übergreifend. [...]

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