Kollaboratives Wissensmanagement durch Folksonomies
Der etablierte Umgang mit Wissen wird gerne als Wissensmanagement bezeichnet. Dabei stehen Wissenskonzepte im Vordergrund, die von allen Teilnehmern berücksichtigt werden. Wie sieht es aber in offenen Communities aus? Das Semantic Web ist hier eine Antwort.
Unternehmen und Organisationen haben die Bedeutung von Wissen für ihre Wertschöpfung erkannt und setzen das eine oder andere Werkzeug / Konzept ein, Wissen zu erwerben, zu verteilen, weiterzuentwickeln und zu speichern. Dabei greifen sie auf bekannte Lösungen zurück, wie sie u.a. auch in Bibliotheken eingesetzt werden: Thesauri z.B.
Diese Konzepte haben zum Grundprinzip, dass eine zentrale Wissens- oder Informationsbasis vorliegt (z.B. ein Medienbestand), über den ein Thesaurus gestülpt werden kann. Hier ist das Ausmaß des Wissens / Information bekannt, d.h. ein Thesaurus kann gezielt für die vorliegende Menge entwickelt und angewendet werden.
Diese Methode hat auch ihre Defizite, und ich möchte hier nur eines nennen: die Unterschiedlichkeit der Sprache des Erfassens (Deklaration von Wissen und Information) und der Sprache des Recherchierens. In der überwiegenden Mehrzahl der Recherchefälle sind die Erschließer nicht die Benützer.
Diese Problematik wird im Web noch dadurch erweitert, dass hier keine Einheitlichkeit der Erschließung vorliegt. Wissen und Information wird auf vielerlei Art und Weise, aber nicht einheitlich und koordiniert erschlossen. Teils geschieht dies manuell (z.B. Directories), teils automatisch (Suchalgorithmen) und jeweils sehr unterschiedlich.
Genau hier möchte das Semantic Web ansetzen und diese Vielfalt durchleuchtbar machen (weitere Beiträge zum Semantic Web können Sie hier nachlesen…). Ein Weg dieses kollaborativen Wissensmanagements sind die sogenannten Folksonomies, welche es dem einzelnen Teilnehmer (=Nutzer) erlauben, Dateien zu beschlagworten.
Diese Beschlagwortung wird auch Tagging genannt. Es obliegt jedem Nutzer selbst, welchen Tag er einsetzt, wie oft und wo. Aus dieser Kombination aus Tags, Benutzern und Inhalten (Ressourcen) entsteht eine Folksonomy (–> “Folk” und “Taxonomy”). Im Gegensatz zu einem Thesaurus beispielsweise wird diese Taxonomie “von unten nach oben” entwickelt.

Im Web 2.0 gibt es eine ganze Reihe bekannter Web-Dienste, die Folksonomies nutzen: Flickr, del.icio.us oder Technorati. So kann jeder Nutzer zunächst für sich selbst Wissensressourcen verwalten (Personomy), diese Sammlung aber auch an die Community weitergeben, die dann in Summe eine Folksonomy ergeben.
Ein Tag einer Folksonomy weist sämtliche Quellen auf, die mit diesen Tag versehen worden sind. Hier arbeiten viele Wissensarbeiter (Experten) an der Erstellung eines Community-weiten Wissensbestandes mit.
Ein interessantes Nebenprodukt von Folksonomies ist das Aufdecken von Communities of Interest, also von Gruppen von Nutzern, die die selben Interessen haben. Communities werden über ihre wichtigsten Tags beschrieben. Dadurch kann man leichter zu relevantem Material kommen, Kontakte innerhalb der Community knüpfen und auch das Vokabular der Community kennenlernen.
Mehr zu diesem Thema finden Sie auch in einem Beitrag von:
Ch. Smitz, A. Hotho, R. Jäschek, G. Stumme: Kollaboratives Wissensmanagement
erschienen in: Pellegrini/Blumauer: Semantic Web. Wege zur vernetzten Wissensgesellschaft.
Springer Verlag, Berlin 2006
ISBN: 103-540-29324-8
Das Buch gibt es u.a. bei Amazon zu kaufen.
[Technorati Tags: Folksonomy - Wissensmanagement - Semantic Web ]
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August 16th, 2006 at 9:03 am
Was Tagging und Semantic Web miteinander zu tun haben (außer des es sich bei beiden um Hypes handelt) wird mir wohl verborgen bleiben. Ok, eine Kombination ist möglich und zur Sicherstellung terminologischer Kontrolle notwendig, aber grundsätzlich sind es erstmal zwei komplementäre Ansätze (unkontrolliert, undefiniert vs. kontrolliert, definiert).
August 16th, 2006 at 3:04 pm
Ich denke, was die beiden Konzepte vereint, ist das gemeinsame Bestreben, inhaltlich “klarer” zu sehen, sprich Webseiten inhaltlich zu bestimmen. Im Semantic Web wird dies vor allem über die Autorenseite betrieben und über Automatismen, die Inhalte auslesen und über Algorithmen Themen definieren.
Im Bereich der Folksonomies sehe ich eine inhaltliche Annotation durch die Nutzer der Webseite - z.B. über das Tagging oder das Verorten von Webseiten in Social Software wie del.ici.ous.
Was die “Unkontrolliertheit” der Temini beim Tagging angeht, ja, in gewisser Weise ist jeder Nutzer frei, den Begriff zu wählen. In der Masse allerdings werden für ein und dasselbe zunächst mehrere Tags vorliegen; später kristallisieren sich “Favoriten” bei der Bezeichnung durch, diese werden dann in der Community auch fast durchgehend verwendet. Wenn man so will, ist das ein demokratischerer Weg der Vokabularbestimmung als bei einem Thesaurus, der von wenigen SpezialistInnen stammt.
August 22nd, 2006 at 11:50 am
Nachtrag: ein interessanter Beitrag zum Thema Folksonomies und Bibliotheken findet sich auch auf dem netbib weblog. Es geht im konkreten Fall um die Frage, ob NutzerInnen einer Bibliothek neben den von der Bibliothek zur Verfügung gestellten Schlagworten (und hiermit nach “deren” System inhaltlich erschlossenen Medieneinheiten) auch Werkzeuge in die Hand zu geben sind, die eine eigene Verschlagwortung erlauben.
Zum Post: the use of collaborative tagging in Public Library catalogues
November 16th, 2006 at 9:01 am
[...] TagFetch ist so etwas wie ein Superkleber der Tagging-Dienste (Tags und Folksonomy - was ist das?): es bringt sie alle zusammen. Mit anderen Worten: die Suche nach einem Tag kann getrost TagFetch überlassen werden, es klappert eigenständig folgende Dienste per default ab und präsentiert die Ergebnisse: [...]
January 8th, 2007 at 8:26 am
[...] Das hat uns noch gefehlt: eine Suchmaschine für Tags. Was sich zunächst als eine neue Spielerei aus dem Hause Web 2.0 anhört, ist beim zweiten Mal hinsehen gar nicht mal schlecht. Tagbulb ist äußerst vielseitig, wenn es um eine Meta-Tag Suche geht. [...]