Interaktionsraum Bibliothek

In einem Interview spricht die Leiterin der Dornbirner Stadtbücherei, Dr. Ulrike Unterthurner, über Erfolge, Projekte, Probleme und die Zukunft ‘ihrer’ Bibliothek.

Seit knapp 15 Jahren ist Dr. Ulrike Unterthurner an der Dornbirner Stadtbücherei tätig. Ich fragte sie, woher diese Beständigkeit kommt, wo ihr Erfolgsgeheimnis liegt und was sie sich für die Zukunft wünscht.

MB: Fr. Unterthurner, Sie sind fast schon klassisch über ein Studium der Geisteswissenschaften in die Bibliothekswelt gestolpert. Was reizte Sie so an dem Beruf, und was tut es immer noch?

UU: Zunächst einmal die Liebe zum Buch. Und dann die Motivation, andere bei ihrer Informationsrecherche und beim Lernen allgemein unterstützen zu können. Wenn ich sehe, wie jemand mit einem Gewinn für sich aus der Bibliothek geht, dann ist das viel wert.

Stadtbücherei Dornbirn

MB: Die Dornbirner Stadtbücherei hat für eine Gemeinde mit 40.000 Einwohnern ein recht gut ausgebautes Filialnetz mit 7 öffentlichen Bibliotheksstandorten. Im Vergleich mit anderen Vorarlberger Städten ist das wohl einmalig. Wie kam das zustande?

UU: Eigentlich sind das ja alles eigenständige Einheiten. Die Dornbirner Stadtbücherei ist die einzige, die auch über bezahlte MitarbeiterInnen verfügt. Die anderen sieben werden von rund 70 ehrenamtlichen Personen betrieben. Was wir unseren LeserInnen anbieten, ist der sogenannte Dornbirner Bibliotheksverbund - ein gemeinsamer Leserausweis, ein gemeinsamer Katalog. Wir unterstützen die kleinen Büchereien durch Schulungen und durch den gemeinsam genutzten Datensatz. Diese Professionalisierung der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen zahlt sich aus, wir hätten sonst nie die Kapazität für so einen großen Betrieb.

MB: Der Know-How-Transfer von professionellen zu ehrenamtlichen BibliothekarInnen zeugt von guter Zusammenarbeit und der örtliche Verbund scheint ein interessantes Organisationsmodell zu sein. Wie sehen das die Verantwortlichen im Stadtrat?

UU: Wie überall geht es um das Finanzielle. Da sind wird ganz gut aufgestellt, auch wenn ständig Zwischenrufe kommen, man solle dort und hier einsparen. Auch der Bibliotheksverbund bleibt von dieser Diskussion nicht verschont. Zudem hat die Stadt Dornbirn ein Kulturleitbild entworfen, in dem die Stadtbücherei Dornbirn als Element vorkommt. Es wird hier eine klare quantitative Grenze gezogen. Eine Erweiterung der Angebote kann ich mir aber auch aus personellen und räumlichen Gründen nicht vorstellen.

Stadtbächerei Dornbirn

MB: Welche Möglichkeiten sehen Sie, diese begrenzten Ressourcen gewinnbringender einzusetzen?

UU: Wir haben mit der Einführung der RFID Technik den Entlehnvorgang wesentlich beschleunigt. Wir versuchen, durch die Bereinigung von Routine-Aufgaben möglichst viel Freiraum für die Beratung der LeserInnen freizuschaufeln. Die Möglichkeit der Selbstverbuchung wird als nächstes Projekt in Angriff genommen.

MB: Die Leser sind mit den Diensten ihrer Stadtbücherei zufrieden. Auf der Webseite steht, dass 28% der DornbirnerInnen Kunden der Stadtbücherei sind. Ist das ein guter Wert?

UU: Ich meine, das ist ein sehr guter Wert. Gleichzeitig sind unsere Ressourcen ausgeschöpft. Wir haben im Durchschnitt eine Umschlagszahl von 6 bis 7, das ist enorm hoch und kritisch. Wenn ein Buch ständig verliehen ist, dann werden wir LeserInnen wieder verlieren. Mehr Bedeutung messe ich den “28 Prozent” aber nicht bei. Wichtig ist Bewußtsein zu schaffen für die Möglichkeiten, die die Bibliothek als Lern- und Interaktionsort bietet.

MB: Die Bibliothek als Lernort ist in der Bibliotheksszene ein häufig diskutiertes Thema. Warum ist Ihnen dies so wichtig?

UU: Zum einen ist Lesen eine ungemein wichtige Kulturtechnik. Die Bibliothek unterstützt die Anliegen der Schulen wesentlich. Zum anderen bietet eine öffentliche Bücherei wie die unsere neutralen Boden für die Auseinandersetzung mit Sprache und Wissen. Hier gibt es keinen direkten oder indirekten Zwang, sondern Freiwilligkeit und Freude am Medium.

MB: Immer mehr Jugendliche und Kinder tendieren zu elektronischen Medien. Ist das ein Problem für die öffentlichen Büchereien?

UU: Ich denke nicht, ganz im Gegenteil. Elektronische Medien sind für uns oft der Zugang zu Jugendlichen, wie sie die Bibliothek wiederentdecken. Wenn jemand fordert, die öffentlichen Büchereien sollen keine Mittel für elektronische Spiele oder CDs ausgeben, dann ist das extrem kurzsichtig. Über das Spielerische und die Neugierde beschäftigen sich unsere jungen LeserInnen in ihrem Bibliotheksbesuchsverlauf zuerst mit Multimedia, später mit Zeitschriften, und dann mit Büchern. Darüber hinaus heißt Lernen nicht nur Fakten lernen, sondern auch den sozialen Umgang lernen, oder Informationen suchen. Das bietet die Bibliothek an, ganz nebenbei.

Stadtbücherei Dornbirn

MB: Soziale Kompetenzen sind heute ebenso Schlüssel zum beruflichen Leben wie Fachwissen. Wie können aber Bibliotheken im Zeitalter von Google & Co ihre Zukunft sichern? Wie sehen Sie dieses Konkurrenzverhältnis und wie werden Sie die Dornbirner Stadtbücherei darauf vorbereiten?

UU: Zunächst sehe ich überhaupt keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. Wenn es um den Bereich der Informationsbeschaffung geht, sind wir, wenn diese online verfügbar ist, oft nicht sichtbar. Wenn die Fragen kniffliger werden, dann sehe ich den zusätzlichen Service, den eine Suchmaschine nicht liefern kann - der persönliche Kontakt, das genaue Formulieren der Suche, die Beratung. Die Bibliothek ist eben mehr als eine Suchmaschine, sie ist Interaktionsraum. Hier treffen sich Menschen, um sich auszutauschen, um zu lernen. Das ist eine Qualität, die eine Suchmaschine per definition nie erlangen kann.

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2 Kommentare zu “Interaktionsraum Bibliothek”

  1. Dr. Hans Lettner Says:

    Liebe Ulrike!
    Dein Interview trifft den Nagel auf den Kopf!
    Ich wünsche Dir weiterhin Alles Gute.
    Hans Lettner

  2. Claudia Hufnagel-Zenz Says:

    Liebe Ulli,

    die Bibliotheksgedanken geben einen Leitfaden, Mut und Motivation,

    DANKE
    Claudia Hufnagel-Zenz

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